Dienstag, November 18, 2008

Arroganz als Vortragspersönlichkeit

Aus aktuellem Anlass folgt hier ein kurzer Aufreger über Unsitten beim Kolloquiumsvortrag.

Wenn Leute sich für einen Kolloquiumsvortrag treffen, dann hören sie meistens über ein Thema in dem sie sich nicht gut auskennen. Für den Vortrag unterbrechen sie ihre eigenen Arbeiten, um über die Fortschritte ihrer Kollegen in verwandten Disziplinen auf dem Laufenden zu bleiben. Mit diesem Hintergrund ist es mir total unverständlich, wie viele eingeladenen Gäste ihre Vorträge gestalten.
Wenn ich auf einen Vortrag eingeladen werde, um meine Ergebnisse zu präsentieren, dann sollte ich doch zumindest den Vortrag so anpassen, dass er wirkt, als wäre die Präsentation für den Anlass erstellt worden. Leider stimmt manchmal noch nicht mal der Ort auf der Titelseite. Das gibt den Zuhörern ein unheimlich tolles Gefühl gleich vom Start weg. In eine ähnliche Richtung geht auch ein zweiter Punkt - nicht jeder Vortrag dauert gleich lang, und wenn ich irgendwohin eingeladen werde und vorab gesagt bekomme, ich hätte etwa 45 Minuten Zeit, dann passe ich den Vortrag entsprechend an, oder? So selbstverständlich scheint das aber nicht zu sein. Über die Unart, dann während des Vortrags ein paar Folien zu überspringen kann ich ja noch hinwegsehen, auch wenn das schon unhöflich ist. Aber gestern abend bin ich einer Steigerung dieses Verhaltens begegnet: Wie bringt man in 45 Minuten ca. 70 bis 80 Folien mit Daten unter? Ganz einfach, man zeigt viele der Folien nur für ein paar Sekunden und erwartet von den Zuhörern, die essentiellen Daten selbst zu erkennen. Was soll das? Will uns der Vortragende damit zeigen, dass er ganz viele tolle Daten hat, dass wir nicht auf den Gedanken kommen er würde nichts arbeiten? Geht er davon aus, nur weil er diese Daten selbst schon zigmal gesehen hat können wir dem Allem mit einem Augenzwinkern folgen?
Letztlich bin ich recht verärgert aus dem Vortrag gegangen. Weil ich nicht wirklich viel von dem Vortrag mitgenommen habe, und das wenige bald vergessen werde. Das wenige was ich herauslesen konnte, sah recht interessant aus. Deshalb war ich umso enttäuschter, dass der Vortragende nicht einfach nur ein Drittel der Daten gezeigt hat, auf diese dafür aber ausführlicher einging. Die Stunde Kolloquium war jedenfalls verlorene Zeit für mich, die ich besser hätte nutzen können, beispielsweise indem ich meinen Schreibtisch aufgeräumt hätte.
Aber wieso machen die Leute so etwas? Wieso halten sie sich nicht an die einfachsten, eigentlich selbstverständlichen Regeln für einen Vortrag? Vielleicht auch wegen dem besonders schlimmen Vortrag von gestern abend bin ich mittlerweile der Meinung: manchmal einfach Arroganz. Warum sonst sollte jemand so offen zeigen, dass ihn weder die Umgebung interessiert, in der er seinen Vortrag hält, noch die kostbare Zeit der vielen Leute, für die er ihn hält?

Und dabei sollte jeder Wissenschaftler in dieser Situation doch eigentlich genau das Gegenteil zum Ziel haben: Ich möchte mit dem Vortrag möglichst viele Kollegen mit der Begeisterung anstecken, die ich selbst für mein Forschungsgebiet habe. Ich möchte, dass sie zumindest ein wenig von dem behalten, was ich erzählt habe. Letztlich möchte ich sogar, dass sie das nächste Mal, wenn sie ein Paper aus meinem Gebiet sehen, sich an den Vortrag erinnern und das Paper aus Interesse lesen, weil sie von mir eine theoretische Grundlage dazu bekommen haben. Leider sieht das wohl aber nicht jeder so.

Kommentare:

Tobias hat gesagt…

"Aber wieso machen die Leute so etwas? Wieso halten sie sich nicht an die einfachsten, eigentlich selbstverständlichen Regeln für einen Vortrag?"

Nicht aus Arroganz. Einerseits ist es das komplette Unvermögen der Vortragenden einen didaktisch schlüssigen Gedanken zu fassen, und zum anderen dient es dem Vertuschen der mangelnden Qualität der eigenen Daten.
Ich dachte als Student immer, ich sei zu blöd für die Vorträge, mittlerweile (und das ist arrogant) denke ich häufig, der Votragende ist zu bläd für den Vortrag

Fischer hat gesagt…

Es ist auch einfach eine Tatsache, dass viele Wissenschaftler die Anforderungen der Darstellungsform Vortrag schlicht unterschätzen.

Inzwischen lernt man schon als Student, halbwegs vernünftige Vorträge zu halten (war zumindest bei mir so), aber viele gehen halt mit der Einstellung da ran: Ich erzähl einfach mal, dann geht das schon.

Argent23 hat gesagt…

Hui, war ich da sauer! ;-) Im Großen und Ganzen geb ich euch Recht, es gibt genug andere Gründe für einen schlechten Vortrag. Bei diesem einen Vortrag bleibe ich aber dabei, das war Arroganz.